Der Kandelmarsch wird 100

Wenn feuchtfröhliche Studierende und brave Gesetzeshüter nachts aufeinandertreffen, sind Meinungsverschiedenheiten vorprogrammiert. Im Jahr 1922 war ein solches Zusammentreffen allerdings eine Sternstunde für die Esslinger Ingenieurschule, der „Kandelmarsch“ wurde geboren.

Nach einer feuchtfröhlichen Kneipe im damaligen Kneip-Lokal der Verbindung Staufia, der Zollberg-Wirtschaft überredete unser Bundesbruder Emil Herdter v. Schuss gegen 1 Uhr nachts seine 14 Staufen, nun nicht nach Hause zu gehen, sondern ihn den Zollberg hinauf auf´s Gütle seines Onkels zu begleiten, um eine 10 m lange, etwa 30-sprossige Leiter vom Baumgrundstück abzuholen und diese die Stadt hinunter in die Heugasse zu tragen. Zehn Studenten nahmen die Leiter auf die Schulter, drei Mann marschierten im Gleichschritt voraus. Die beiden letzten ließen als Schlusslichter die Hemden aus der Hose hängen, um etwaige, damals noch seltene Autofahrer auf den nächtlichen Transport aufmerksam zu machen. Ab der engen Pliensaubrücke gab es ein Problem. Ein strenger Gesetzeshüter forderte, den Gehweg  zu benutzen, in der Pliensaustraße und auf der inneren Brücke verlangte ein anderer dann, runter vom Bürgersteig!” Damit war bei den gesetzestreuen Staufen der Kandelmarsch geboren: ein Fuß oben auf dem Bürgersteig, ein Fuß unten auf der Straße.

Und weil im gleichen Semester unser damaliger Fux Emil Herdter v. Schuss den Semesterschluß besonders eindrucksvoll feiern wollte, besorgte er einen mit Pferden bespannten Leiterwagen, den er zusammen mit seinen „Confüxen“ schmückte und damit am Stall vorfuhr, um die Kandidaten der Staufia abzuholen.

So wurde die erste “Kandidatenabfuhr” in Esslingen geboren. Beides seit damals bis heute ein unverwechselbarer Brauch, bei dem die Esslinger Absolventinnen und Absolventen aller Fakultäten sich seit 1922 mit dem Kandelmarsch von der Hochschule verabschieden und in Frack und Zylinder mit Leitern durch die Esslinger Straßen ziehen und Ehrengäste den Umzug in den verschiedensten Fuhrwerken begleiten.
Die Organisatoren, der Kandelmarsch-Verein und die sechs Esslinger Verbindungen legen sich jedes Jahr mächtig ins Zeug für einen reibungslosen Ablauf der Veranstaltung, die „einmalig in der deutschen Hochschullandschaft“ ist.  Doch zum 100-jährigen Jubiläum soll das Abschlussfest der Esslinger Studierenden im Juli 2022 ein wenig anders ablaufen. in diesem Jahr gibt es einige Jubiläums-Specials. Der Umzug wird um Mottowagen erweitert. Sie sollen Motive, Themen und Ereignisse aus der langen Historie aufgreifen. Pferdekutschen werden beim Kandelmarschumzug wieder auf gewohnte Weise für weitere, natürliche PS sorgen. Zusätzlich wird in diesem Jahr für Ehrengäste extra ein Oldtimerbus aus dem Jahr 1927 gechartert, und Musik gibt es natürlich auch. Mehr soll zum jetzigen Zeitpunkt nicht verraten werden: „Auch in der Staufia sind wir in der Planungs- und Findungsphase. Die Vorbereitungen laufen.“

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