Aktuelles vom Rektor der Hochschule Esslingen

maerckerIm September 2013 hatte Prof. Dr. Christian Maercker das Amt als Rektor der Hochschule Esslingen von Prof. Dr. Ing. Bernhard Schwarz übernommen. Wir wollten wissen, wie er die aktuellen Entwicklungen an der Hochschule einschätzt und welche Rolle er den Esslinger Verbindungen zuschreibt.

Prof. Maercker hat Biologie an den Universitäten Erlangen-Nürnberg und Tübingen studiert und anschließend am Medizinisch-Naturwissenschaftlichen Forschungszentrum in Tübingen promoviert. Von 2000 bis 2005 war er Leiter der Abteilung Biochips im Deutschen Ressourcenzentrum für Genomforschung in Heidelberg. Von 2008 bis 2013 war er Prorektor für Forschung, Entwicklung, Techniktransfer und Weiterbildung an der Hochschule Mannheim.

BB Remis: Während der Kandidatenabfuhr 2015 war sicher der eine oder andere Esslinger Schlachtenbummler überrascht, welch positives Bild unser neuer Rektor Prof. Dr. Christian Maercker von den Esslinger Verbindungen zeichnete. Eine Rede, die natürlich auch bei den Studenten und Absolventen der Esslinger Ingenieur-Verbindungen gut ankam, die seit 1922 traditionell den von ihnen erfundenen Kandelmarsch organisieren.

Prof. Dr. Maercker: Es freut mich, dass meine Ansprache gut ankam. Ich darf sagen, dass ich als Biologe vorher gar keine Erfahrungen mit Verbindungen hatte. Ich komme aus der Biotechnologie in Mannheim, wo es zwar auch Verbindungen gab, zu denen ich aber keinerlei Kontakt hatte. Verbindungen habe ich erst hier an der Esslinger Hochschule kennengelernt und erlebt, dass es viele ehemalige Studenten gibt, sei es in den Verbindungen oder im Verein der Freunde, die sich enorm für die Hochschule engagieren und auch im Rektorat sehr präsent sind. Es hat mir beispielsweise sehr gut gefallen, dass der RVC-Vorsitzende Herr Rübling und Herr Gall mich angesprochen haben, ob es einmal im Semester ein Gespräch mit dem Rektorat geben könne. Den Wunsch habe ich gern angenommen. Mir gefällt auch, dass die Sprecher der aktiv Studierenden uns zweimal im Jahr einladen, um über ihre Aktivitäten an der Hochschule zu berichten und mit uns über Wünsche, die sie ans Rektorat haben, zu sprechen. Wünsche, die von den Sprechern stellvertretend für die verschiedenen Verbindungen geäußert werden, versuchen wir dann auch gern umzusetzen. Beispielsweise wenn es darum geht, Veranstaltungen, die von den Verbindungen organisiert werden, zu unterstützen und publik zu machen. Wir wissen natürlich, dass gerade der Kandelmarsch zur Bekanntheit und Reputation der Hochschule in der Region beiträgt und dadurch potenzielle neue Studienanfänger für die Hochschule  interessiert werden.

BB Remis: In welcher Weise nützt denn ein Kandelmarsch der Hochschule?

Prof. Dr. Maercker: Auf Grund der großen Konkurrenz technischer Bildungseinrichtungen müssen wir attraktiv bleiben, um Studienanfänger zu gewinnen. Wir treten immer mehr in Konkurrenz zur Universität und zunehmend auch zur Dualen Hochschule, die es in der Form ja erst seit 2009 gibt und sich mit etwa 33.000 Studierenden als starke Konkurrenz etabliert hat. Viele, die sich früher bei uns beworben haben, gehen heute zur Dualen Hochschule, weil dort von den Firmen die Praxiserfahrung geschätzt wird, die sich durch den Ausbildungsvertrag mit der jeweiligen Firma ergibt. Im Vergleich zu den etwa 220.000 Studierenden an den Fachhochschulen in Baden Württemberg ist das eine große Zahl, die uns als potenzielle Bewerber fehlt. Unsere Hochschule ist so gut wie die Qualität ihrer Studierenden. Je mehr gute Bewerbungen wir haben, desto zielführender können wir die für die jeweilige Fakultät geeignetsten Studierenden aussuchen. Das wiederum schlägt sich letztlich in den Rankings nieder und beschert uns in der Folge dann auch wieder zahlreichere Bewerbungen. Unser Prorektor die Lehre und Weiterbildung an unserer Hochschule, Prof. Väterlein und Kollegen sehen da eine ganz klare Korrelation. Das heißt, je mehr Bewerber pro Studienplatz wir haben, desto besser ist die Absolventen-Qualität. Deshalb sind wir daran interessiert, durch Veranstaltungen wie den Kandelmarsch auch gute Studienanfänger anzuwerben. Das andere ist natürlich auch das Leben an der Hochschule. Wir wollen ja nicht eine Hochschule sein, die Studierende nur fachlich ausbildet. Sie sollen mit einer ausreichenden Vielfalt der Angebote auf ihr späteres Leben vorbereitet werden. Die in den letzten Jahren stark ausgebaute fachliche Breite, insbesondere auch durch die Fusion mit der Hochschule für Sozialwesen im Jahr 2006 hilft uns hier enorm. Aber natürlich ist auch der Kontakt mit anderen Studierenden, mit den Lehrenden und mit der Region wichtig. Da sind die Verbindungen ein ganz wichtiger Katalysator.

BB Remis: Wenn man sich nach der Bologna-Reform den Bachelor-Abschlusss anschaut, stellt sich die Frage, wie unterscheidet sich ein Bachelor aus Esslingen von einem Bachelor einer Techn. Universität wie in Stuttgart?

Prof. Dr. Maercker: Die Bachelorstudiengänge an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Esslingen dauern mit 7 Semestern in der Regel ein Semester länger als ein Bachelorstudiengang an einer Universität. Das 7. Semester kommt dadurch zu Stande, dass wir in unseren Studiengängen einen höheren Praxisanteil in der Lehre und außerhalb der Hochschule haben. Unsere Bachelorstudenten müssen nach dem 5. Semester ein verpflichtendes Praxissemester in der Industrie oder einer Partnerorganisation absolvieren. Außerdem fertigen die meisten unserer Studierenden ihre Bachelorarbeit außerhalb der Hochschule in der Industrie oder einem Forschungsinstitut an. Dadurch haben unsere Studierenden schon während des Studiums einen sehr hohen Bezug zur Praxis. Da es manchmal auch noch andere Projektarbeiten gibt, kann man ganz grob sagen kann, dass sie während dem Studium in der Hochschule durch ungefähr zwei Praxis-Semester außerhalb der Hochschule verbringen und damit einen sehr starken Bezug zu ihrer späteren Beruf entwickeln, aber auch zu Firmen in Kontakt kommen, bei denen sie später arbeiten können.

BB Remis: Das Bachelor-Studium an der Hochschule Esslingen führt also zu einem  schnelleren Berufseinstieg als an der Uni?

Prof. Dr. Maercker: Ja. Wir erleben es sehr häufig, dass unsere Studierenden schon während des Studiums nicht nur klare Vorstellungen entwickeln, was sie später arbeiten möchten, sondern von den Firmen auf Grund ihrer Praxisanteile auch schon einen Arbeitsplatz angeboten bekommen. Während das Bachelor-Studium an der Universität mehr Theorie-Anteile hat und vorwiegend an der Universität stattfindet, legen wir viel Wert darauf, dass unsere Absolventen mit dem Praxisanteil des Bachelorabschluss berufsfähig sind. Das Konzept des Uni Studium ist durch die Zweiteilung Bachelor-Master – Studiengänge eher auf den Master-Abschluss ausgerichtet. Unsere Erfahrungen zeigen, dass bei Stellen, insbesondere in Berufsfeldern in kleinen und mittleren Unternehmen, deren Anforderungen vorwiegend für Bachelor-Absolventen ausgelegt sind, unsere Studenten besonders gute Chancen haben, etwa in den Feldern  Management, Produktion, Qualitätsentwicklung und Vertrieb. Großunternehmen sind in ihrem Profil vielschichtiger und verfügen beispielsweise häufig über große Entwicklungsabteilungen, in denen es einzelne Aufgaben gibt, die mitunter vorwiegend für Absolventen mit Master-Abschluss geeignet sind.

BB Remis: Wie unterscheiden sich die Berufsaussichten eines Esslinger Master-Studenten beispielsweise von einem Master an der Universität Stuttgart?

Prof. Dr. Maerker: Auch das Profil unserer Master- Studenten ist vergleichsweise sehr praxisorientiert, im Vergleich zum Master an der Universität mit einem stärkeren Fokus auf der Grundlagenforschung. Wir haben zum Beispiel auch während des Masterstudiums durch gemeinsame Projekte mit der Industrie auch hier wieder einen hohen Praxisbezug, der sich wiederum für den direkten  Einstieg in bestimmte Berufe besonders gut eignet. Von den drei Semestern finden ca. ein Drittel der Tätigkeiten außerhalb der Hochschule statt, denn der Theorieanteil beim Master in Esslingen wird von Projekten in der angewandten Forschung dominiert. An der Uni dauert das Masterstudium nach dem nur 6-semestrigen Bachelorstudium 4 Semester, der Theorieanteil ist vergleichsweise hoch. Die Projekte werden vorwiegend in Forschungs-Einrichtungen der Uni durchgeführt.

BB Remis: Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, mehr Promotionsmöglichkeiten für Esslinger Studierende zu schaffen – Warum eigentlich?

Prof. Dr. Maercker: Wie vorhin bereits erwähnt, ist es für die Qualität unserer Hochschule von essentieller Bedeutung, dass wir geeignete Studienanfängerinnen und Studienanfänger gewinnen. Über die Öffentlichkeitsarbeit in Form des Kandelmarschs und anderer Aktivitäten hatten wir bereits gesprochen. Andere wichtige Initiativen sind das NwT Bildungshaus in Göppingen, die Ingenieurpädagogik und die Qualitätsverbesserung in den Bachelorstudiengängen. Durch neue Masterangebote und Promotionsmöglichkeiten in einer dafür ausgelegten Forschungsinfrastruktur kann die Attraktivität der Hochschule noch einmal gesteigert werden. Ich fasse die beiden Punkte zusammen, weil die Qualität der Masterstudiengänge stark durch selbständige wissenschaftliche Projektarbeit gekennzeichnet ist. Dafür braucht es ein starkes wissenschaftliches Umfeld. Dadurch, dass unsere Promotionskollegs eine enge Anbindung an die Unis haben, können wir von den großen Instituten der Universität profitieren und das Promotionsverfahren formal verlässlich abwickeln, was uns ohne eigenes Promotionsrecht ansonsten nur schwer möglich ist. Ein gutes Beispiel ist das vom Land geförderte Promotionskolleg „Hybrid“, welches sich gegenüber anderen kooperativen Promotionskollegs dadurch auszeichnet, dass neben der Uni Stuttgart die Unternehmen Daimler und Bosch involviert sind, wodurch ein starker Bezug zu aktuellen Entwicklungsaufgaben hergestellt wird.

BB Remis: Worauf ist die hohe Abbrecherquote in den technischen Studiengängen zurückzuführen?

Prof. Dr. Maercker: Trotz der insgesamt guten Bewerbersituation haben wir nicht in allen Studiengängen ausreichend viele geeignete Studienbewerber. Andererseits sind wir als öffentliche Hochschule verpflichtet, vorhandene Studienplätze zu besetzen. Das ist natürlich auch politisch gewollt, um den Fachkräftenachwuchs möglichst gut zu sichern. Haben wir nur Wenige, müssen wir auch eigentlich ungeeignete Bewerber zum Studium zulassen, damit die vorhandenen Kapazitäten ausgelastet werden. Wir überlegen natürlich, wie die Absolventenrate erhöht werden kann. Dabei ist es ein wesentlicher Punkt, wie wir die unterschiedlich vorgebildeten Studienanfänger zu optimaler Leistung führen können. Es nützt nichts, das Studium als Ganzes zu reformieren, das passt dann möglicherweise wieder nur auf 20% der Studierenden. Wir müssen das Studium selbst beispielsweise in variablen Studiengeschwindigkeiten flexibilisieren. Darüber hinaus wird darüber nachgedacht, ob man künftig so etwas wie eine Aufnahmeprüfung oder Tests im ersten Studiensemester durchführt. In Anbetracht der hohen Bewerberzahl würde das jedoch nur mit erheblichen zusätzlichen Ressourcen funktionieren.

BB Remis: Also so ähnlich, wie es früher am Esslinger ”Stall” üblich war?

Prof. Dr. Maercker: Einerseits ja. Gleichzeitig müssen wir jedoch berücksichtigen, dass das Feld der Bewerberinnen und Bewerber heute wesentlich ausdifferenzierter ist, als Sie es früher vom „Stall“ her kennen. Der europäische Bildungsrahmen gibt heute vor, dass nicht nur Studierende mit der allgemeinen Hochschulreife oder dem Fachabitur, sondern ein Studium auch mit mittlerem Schulabschluss und einer Berufsausbildung mit Praxiserfahrung möglich ist. Diesen Kandidatinnen und Kandidaten fehlen beispielsweise für die technischen Studiengänge in der Regel ausreichende Kenntnisse in Mathematik und Physik, um das Studium zu bestehen. Aber damit soll natürlich kein Pauschalurteil gefällt werden. Klar ist auch, dass bei etwa zehnmal so vieler Abiturienten wie noch vor einigen Jahren, damit gerechnet werden muss, dass das durchschnittliche Niveau aller Abiturientinnen und Abiturienten möglicherweise sinkt, im Verhältnis vermutlich also mehr Studienanfänger und Studienanfängerinnen auf die fachspezifischen Anforderungen vorbereitet werden müssen, als das noch vor 30 oder gar 50 Jahren der Fall war. Ein dem eigentlichem Studium vorgeschaltetes Vorsemester, wie es bei den früheren Ingenieurschulen teilweise üblich war, könnte hier helfen, wäre aber wiederum nur mit zusätzlichem Personal- und Sachaufwand zu stemmen. Keinesfalls soll es so klingen, als ob „früher alles besser war“. Wenn wir uns anschauen, wie viele Studierende heute mit hoher Qualität ausgebildet werden, lässt sich feststellen, dass hier auch im internationalen Vergleich Erstaunliches geleistet wird. In Anbetracht des Bedarfs auf dem Arbeitsmarkt ist dieser Ansatz aus meiner Sicht alternativlos, die klassische Ingenieurschule könnte das niemals leisten, abgesehen davon, dass wir ja heute bis in den Bereich Soziale Arbeit und Gesundheit heute auch fachlich viel breiter aufgestellt sind. Nur: Die Anforderungen sind in den letzten Jahren nicht nur quantitativ gestiegen, sondern stellen auch qualitativ erhöhte Anforderungen. Ziel muss es deshalb sein, auf diese Herausforderungen mit geeigneten Maßnahmen zu reagieren

Das Interview  führte Rudolf Beyer v. Remis

 

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